Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –
Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen.

Shakespeare, Hamlet, 3,1

So schön die Dichtung Shakespeares, die Dichtung überhaupt, die Mythologie, die Religion, die Legenden, die Märchen, die klassischen Kunstwerke auch sind: sie alle haben mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Natürlich “steckt in jeder Legende ein Körnchen Wahrheit”. Aber die Wirklichkeit ist “eine andere Kategorie” – wobei es “Kategorien” in der Wirklichkeit natürlich auch nicht gibt, genauso wenig wie “die Wahrheit”, nach der wir verlangen, oder “die Welt”, auf die wir uns beziehen, wenn wir eigentlich unser eigenes Weltbild meinen. Von all dem verstehen wir wirklich nichts; oder doch nur sehr wenig.

Postmoderne Zustände

M. E. ist die heutige “Postmoderne” übervoll von Unsinn, unwahren Behauptungen, absichtsvollen Lügen, manipulativer Propaganda, übler Nachrede, schändlichen Verleumdungen, lächerlichen Auftritten, fragwürdigen Persönlichkeiten. Täglich beschäftigen wir uns mit solchem interessengeleiteten Verhalten in den Medien und der Gesellschaft. Ein Großteil der Nachrichten besteht aus etwas, was nicht natürlich existiert: es gibt die darin behaupteten Zustände nur scheinbar und nur deshalb, weil sie von irgendwelchen gemeingefährlichen Spinnern gewollt und von ernsthaften Verantwortlichen doch nicht verhindert werden konnten. Einen Krieg im Namen Gottes oder der „Gerechtigkeit“ halber auszurufen, Fahnen und Bücher zu verbrennen, die Schuld an irgend etwas irgendwelchen Missliebigen zuzuschieben und sie dafür zu strafen, die Menschenrechte vom Aussehen einer Person abhängig machen zu wollen, die Lüge der „gestohlenen Wahl“ in die Welt zu setzen und das ganze Getue um Nation, Vaterland und Volk: das alles ist reine Gefühlsmanipulation und funktioniert nur deshalb, weil die tatsächlich wirksamen Sachverhalte ignoriert werden, weil das unmittelbar wirksame Gefühl noch immer jeden Diskurs dominiert.

Mit Logik hat das nichts zu tun

Es gibt keine logischen Begründungen für menschliches Verhalten, schon seit wir die steinzeitlichen Feuer verlassen haben nicht mehr. Auch wenn “Logik” für den “Marktmechanismus”, für die “Logik der Macht” oder für die “Schlüssigkeit von Aussagen” angeführt wird, um diese Behauptungen durch schlüssig Klingendes aufzuwerten: dies alles hat mit Logik nichts zu tun. Wir müssen erkennen, daß menschliches Verhalten außerhalb der Logik steht, das alle menschengemachten Ereignisse – Krieg, Mord, Folter, Hunger, Vergewaltigung, Vertreibung, Verwarlosung – genauso wie die wirklich menschlichen Verhaltensweisen – Zuneigung, Liebe, Fürsorge, Verantwortung, Pflichterfüllung – nicht wirklich logisch erklärbar sind. Das hat wahrscheinlich darin seine Ursache, daß jeder “die Welt anders sieht”, d. h. daß jeder sich ein eigenes Weltbild zurechtmacht, was bei so und so vielen Milliarden unterschiedlicher Weltbilder notwendig zu Inkohärenzen führt.

Der Unterschied liegt zwischen ∄ und ∃

Es ist zu trennen zwischen dem, was wirklich ist – wobei wirklich ist, was tatsächlich wirkt, im physikalischen Sinne nämlich, also was durch Naturwissenschaften beschreibbar ist – und dem, was nicht ist. Es ist zu trennen zwischen dem Sein und dem Nichtsein, oder zwischen dem, was existiert und dem, was nicht existiert. Man könnte mit den Existenzquantoren aus der formalen Logik ganz allgemein notieren: {∄} ≠ {∃} (… „die Menge des nicht-Existierenden ist ungleich zu der des Existierenden”). Dem Satz wird jeder zunächst zustimmen (der Satz ist eine Tautologie, also eine Behauptung, die in jedem Falle wahr ist). Der Streit wird über die Frage losgehen: Was existiert denn wirklich, und was nicht? Oder über die Behauptung, die Menge des nicht-Existierenden (also alles aus dem Reich der Einbildungen) sei sehr viel größer, als die des Existierenden: {∄} ≫ {∃}

Fehlende Gewissheiten

Wir neigen dazu stets das zu glauben, was von vielen geglaubt wird. Daher glauben wir zu Wissen, ohne wirklich Gewissheit zu haben, weil uns für die meisten Erscheinungen in “der Welt” – auch diese selbst ist uns nur Erscheinung, denn wer hätte die Welt schon einmal als Ganzes und richtig gesehen? – einfach die unmittelbare Erfahrung fehlt. (So sollen manche glauben, das Coronavirus werde absichtlich durch die elektromagnetische Wellen des 5G-Netztes verbreitet – !). Offensichtlich sind Menschen nicht dazu gemacht, die Welt als wirklich Wissende zu bewohnen, arbeiten wir doch unentwegt und mit steigendem Erfolg daran, unsere gemeinsame Welt durch Eingriffe in das Klima unbewohnbar zu machen. Wie wäre das logisch zu erklären? Was ist logisch am Bau einer Wasserstoffbombe oder der Vergewaltigung eines hilflosen Opfers? Wie wollte man logisch erklären, daß man Jahr um Jahr im Mittelmeer Tausende ertrinken lässt? Was hat das Inferno des Holocaust mit logischem Denken zu tun?

Katastrophale Inhumanität aus falschen Einbildungen

Sieht man sich die Ursachen an für die katastrophalen Inhumanitäten, die wir uns leisten, stößt man überall auf pathologische psychische Zustände. Ein Folterknecht kann nicht geistig gesund, ein vorsätzlicher Mörder nicht sozial normal, ein Atombombenkonstrukteur nicht humanistisch sein. Psychologische Zustände stellen zwar die meisten Phänomene in unserer Alltagserfahrung dar, sie sind das Lieblingsthema der Journaille, sie beruhen aber auf Einbildungen: jeder der drei genannten wird vor Gericht eine Menge Rechtfertigungen auf der Grundlage von Einbildungen und Glaubenssätzen für sein Tun an den Haaren herbeiziehen. Diese werden dem Richter vielleicht menschlich verständlich, aber nicht “logisch” vorkommen. Keiner von denen könnte sich auf eine logisch-physikalische – oder, anders ausgedrückt: naturwissenschaftliche Notwendigkeit – für seine Handlungen herausreden. Ihre Gründe sind die psychologische Zustände der geistigen Erkrankung, der dissozialen Konditionierung, der inhumanen Überzeugungen, die alle nicht auf natürliche und damit nicht auf logische Grundlagen zurückzuführen sind. Ihre Einbildungen, mit denen sie ihr Handeln zu rechtfertigen versuchten, sind Chimären, die alle zum Bereich {∄} zählen. Nicht was die Nachrichten füllt, ist wirklich, nicht die ideologischen, religiösen – nämlich: metaphysischen Vorstellungen die zu dem führten, was die vielen Bürgerkriege so grausam und das Internet teilweise so abstoßend werden lies. Existent ist allein die Natur in ihren unergründlich ineinander verflochtenen logisch-physikalischen Wirkprinzipien, die alles hervorgebracht hat und in der alles logisch-zwangsläufig geschieht, selbst das Zufällige, selbst die Entstehung des Kranken und nicht dauerhaft existenzfähigen.

Die Existenzfrage

Die Existenzfrage ist, ob die angedeuteten psychologischen Zustände weiter um sich greifen, uns alle infizieren und damit letztlich unseren Untergang einläuten, oder ob wir dies Zeitalter der modernen Wahnerkrankungen überwinden und zu unserer eigentlichen menschlichen Natur zurückfinden. Dazu müssen wir uns ausschließlich dem wirklich Existierenden zuwenden und darin die Problemlösungen suchen, derer wir so dringend bedürfen. Die unlogischen psychologischen Zustände müssen von den logisch-physikalischen Zuständen unterschieden und bei Entscheidungen ausgesondert bleiben.

Statt weiter der überkommenen Metaphysik dienstbar zu sein, sollten insbesondere KünstlerInnen die logisch-physikalische Wirklichkeit erkennen.

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