Ilex aquifolium von Martin Eller

Zufällig taucht das Foto in der (übergroßen) Sammlung gerade in diesem Jahr wieder auf: 2021 ist die Europäische Stechpalme der „Baum des Jahres“. Das submediterran-subozeanische Florenelement ist in Deutschland streng geschützt. In einer verwilderten Ecke im Garten, unter einer hohen Buchengruppe, war die wild eingewanderte Stechpalme unbemerkt breits zu ordentlicher Größe herangewachsen, als das Foto an einem feucht-kalten Wintermorgen entstand.

Ilex aquifolium von Martin Eller
Ilex aquifolium

Das Bild eignet sich zu Betrachtungen über die Schönheit. Diese soll im Auge des Betrachters liegen. Sie könnte aber auch ausschließlich physikalische Ursachen haben. Regelmäßige Muster grundsätzlich als interessant zu erkennen ist ja die Grundlage des menschlichen Denkvermögens und damit vielleicht auch des Glücksgefühls beim Betrachten von etwas „Schönem“. So sind nicht nur der regelmäßige Blattaufbau, dieser wie jeder anderen Pflanze, auf einfachsten mathematischen Grundmustern beruhend, von berückender Schönheit; hier hat auch noch der Rauhreif nachgeholfen, diese Strukturen zu verstärken und zu überhöhen. Wie KünstlerInnen überzeichnen, um das charakteristische an ihrem Gegenstand herauszustellen, legten die Eiskristalle zufällig nur am Rand der (leicht gezahnten) Blätter eine feine Kontur um das in vielen stumpfen grüntönen changierende immergrüne Laub. Zum Überfluss dieser Zierde setzte der Frost zudem kleine Eiskügelchen auf die Spitzen der Stacheln, als sollten diese abgestumpft werden, auf das sie nicht mehr stechen.

Die metaphorischen Naturbeschreibungen, die so oder so ähnlich klingen, liegen uns eben doch am nächsten. Doch die Grundlage dieser Zierde ist eine auf ebenso einfachen mathematischen Grundregeln aufbauende Kristallbildung, die an den Blatträndern die Kristallisationspunkte fand, an der sie beginnen und sich unter genau diesen klimatischen Bedingungen an jenem Tage aufbauen konnte. Schönheit ist vielleicht nur ein anderes Wort für Natürlichkeit.