Unseren heutigen Vorstellungen von einer Tragödie scheinen die klassischen griechichen Bühnenwerke von Sophokles, Aischylos oder Euripides völlig fern. Und doch begründen diese Werke das klassische europäische Sprechtheater. Elektra von Sophokles, mit denkbar kargsten Mitteln dargestellt, ohne große Hinführung, ohne ausführliche Erklärungen der Hintergründe, verführt schon beim Lesen zu bildhaften Vorstellungen von dem tragischen Geschehen, die wie ein Film nachempfunden werden können.

Das ist auch der „dokumentarischen“ Übersetzung des altgriechischen Textes von Wolfgang Schadewaldt zu verdanken. Er gibt den vollständigen Text satzgetreu wieder, angepasst an unsere heutige Sprache, in dem er notfalls das Versmaß und sogar ganze Verse dem Ergebnis opfert: der vollständigen und nachvollziehbaren sprachlichen Wiedergabe dessen, was der Dichter mutmaßlich gemeint und beabsichtigt hatte. Dem anerkannten Altphilologen war dies auch schon bei anderen Übersetzungen gelungen, beispielsweise bei der Ilias und der Odyssee nach Homer.

Sophokles
Sophokles

Der schon über achtzigjährige Sophokles hatte 413 v. u. Z. mit der Einführung eines Chor der Frauen eine neue Form des Theaters entwickelt, um die Geschichte Elektras in einer rein dialogischen Dramaturgie zu entwickeln. Der Chor gibt zuweilen Hintergrundwissen, wirkt aber eher durch Fragen an Elektra wie ein Katalysator, der die Klarheit der Erzählung erzwingt – Elektra würde ansonsten aus der Dauerklage nicht herauskommen können.

Sie hatte Grund zur Klage: Ihre Mutter Klytaimnestra ermordete mit ihrem geliebten Aigisthos den Vater von Elektra, Chrysothemis und Orestes, Agamemnon, der Heerführer der Griechen vor Troja. Dies aus Rache für die älteste Tochter Iphigenie, welche Agamemnon opfern ließ, um günstige Winde für die Überfahrt nach Troja von den Göttern zu erbitten. Der Thronfolger in Mykene Orestes musste von Elektra im Ausland in Sicherheit vor Aigisthos gebracht werden. Von dort zurückgekehrt, mordet er die Mutter Klytaimnestra unter lebhaftem Zuspruch von Elektra, um den Tod des Vaters zu rächen und den Thron von Mykene zurückzufordern; und natürlich wird auch Aigisthos getötet. Um seine Opfer zunächst in Sicherheit zu wiegen, hatte Orestes seinen eigenen Tod vorgetäuscht, was Elektra mit erneuter langanhaltender Klage betrauert, wodurch Orestes ihre Zuverlässigkeit prüfte; die Schwester Chrysothemis hatte sich aus Frucht vor der Mutter längst mit den Verhältnissen arrangiert.

Durch die vorstehende Zusammenfassung wirkt die verworrene Handlung nur noch unklarer; in dem Text des Sophokles wird aber durch die Dialogform der gesamte Handlungsablauf vollkommen klar und linear dargestellt. Die starre Haltung der Bühnenfiguren nimmt der Tragödie dabei nichts von der fühlbar tiefen Verzweiflung, der man beim lesen so nahe kommt, daß aus dem Verständnis für die unerbittliche Haltung Elektras diese so fernen Moralvorstellungen für uns Heutige nachvollziehbar werden.

"Elektra" von Sophokles, übersetzt von Wolfgang Schadewaldt, Suhrkamp, Frankfurt 1964, bzw. Reclam, Stuttgart 2002.

(Das Beitragsbild zeigt eine Filmszene aus Elektra mit Irene Papas, Griechenland 1962.)

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