Lippo Memmi, Madonna mit Kind, um 1320

Manchmal wünscht man sich, es gäbe den Stiftergeist des neunzehnten Jahrhunderts noch, zusammen mit dem verbreiteten Kunstinteresse der Öffentlichkeit, wie es beides damals gegeben haben muss. In einigen Städten stifteten vermögende Bürger öffentliche Museen mit der Zielsetzung, die Allgemeinheit über die Betrachtung von Kunst zu bilden. So auch in Altenburg mit seiner bemerkenswerten Stadtgeschichte. Dort hat Bernhard von Lindenau aus seiner privaten Sammlung ein sehenswertes Museum gegründet, welches sich heute in einem prächtigen Gebäude im Historismus-Stil präsentiert. Darin gibt es viele unterschiedliche Sammlungen zu sehen: Eine Glyptothek mit Gipsabgüssen griechisch-römischer Skulpturen, griechische Vasenmalerei, eine klassische Kunstbibliothek, Malerei vom 15. bis zum 20. Jahrhundert usw. Und dann die wunderbare Sammlung früher italienischer Tafelmalerei, eine besondere Liebhaberei von Lindenau und m. E. der beste Grund, nach Altenburg zu fahren.

Lippo Memmi, Madonna mit Kind, um 1320
Lippo Memmi, Madonna mit Kind, um 1320, im Lindenau-Museum

Gezeigt werden 180 Tafeln der frühen Malerei aus Florenz und Siena, alle auf Holztafeln. Diese kaufte Lindenau im italienischen Kunsthandel auf seiner Italienreise und später durch Agenten. Es ist heute kaum vorstellbar: Damals zersägte man die Altarretabeln, die offenbar überall in den Kleinstädten und Dörfern in den Kirchen verstaubten, und verkaufte die Einzelteile an Liebhaber. Dadurch wurden die Tafeln in alle Winde zerstreut, das meiste ist nicht mehr erhalten und die Rekonstruktionsversuche müssen heute unvollständig bleiben. Viele der kleinen Täfelchen stammen aus dem unteren Sockelbereich der Altäre, der Predella, in denen die Heilsgeschichte in kleinen Szenen geschildert war. Andere Tafeln gehörten zu kleinen Klappaltären, wie sie wohlhabende Bürger auf Reisen mit sich führten oder in ihrer Kammer zur privaten Andacht verwendeten.

Guido da Siena, Anbetung der Heiligen Drei Könige, um 1270-80

Die Stilentwicklung von den ältesten Bildern aus dem 13. Jahrhundert, die teilweise noch ganz im byzantinischen Stil verhaftet sind und eher an Buchmalerei erinnern, über die gotischen Bilder aus dem 14. Jahrhundert, die den Übergang zum weichen Stil der Hochgotik aufzeigen, bis zur Renaissancemalerei des 15. Jahrhunderts, die realistische menschliche Gesichter in dreidimensional wirkenden Beleuchtungen zeigt, lässt sich auch an den kuriosen Gloriolen über den Köpfen der Heiligen absehen. Zu Anfang noch eine Art Namensschild, welches aus der byzantinischen Ikonenmalerei herkommt und die Unterscheidung der vielen Dargestellten ermöglicht, entwickelt sich der Heiligenschein aus einem Strahlenkranz, dem Nimbus, schließlich zu einem peinlich wirkenden stumpf-goldfarbigen Ring oder halbtransparenten Teller, der in der Renaissancephase zudem noch in kühner räumlicher Seitenansicht gezeigt wird.

Wirklich interessant ist die Entwicklung der dargestellten Gesichter. Jeder Meister hatte offenbar eine Art Handschrift entwickelt, welche einen Widererkennungswert in sich trug, die sich besonders in der Darstellung der Augen ausdrückte; vielleicht eine Folge des Einflusses, den Cimabue und Giotto ausübten. In der Altenburger Sammlung ist deutlich die Entwicklung von der flachen byzantinischen zur dreidimensionalen Kopfdarstellung in der Renaissance zu verfolgen. Oder all die kleinen perspektivischen oder narrativen Probleme, wenn umfangreiche Geschichten auf so ein entzückendes kleines Täfelchen gezwängt werden mussten; einfach sehenswert.

Die Kunstgeschichte verweist eindeutig auf den Ursprung der Kunst in der Religion. Es ist also müßig darüber zu diskutieren, ob uns heute dieser oder jener Aspekt der frühen italienischen Tafelmalerei, die ja fast ausschließlich in kirchlichem Auftrag entstand, inhaltlich noch etwas zu sagen hat. MalerInnen wie wirklich Kunstinteressierte werden sich notwenig auch mit solchen Bildinhalten befassen müssen, wenn sie etwas über die Geschichte der Malerei erfahren wollen. Das Lindenau in Altenburg ist ein geeigneter Ort dafür. Nehmen Sie sich Zeit für diese Sammlung der Extraklasse.