Wie an anderer Stelle schon bemerkt, sind die „sozialen“ Medien inzwischen eher dissoziale Erscheinungsformen, weil sie nicht dafür genutzt werden, für was sie eigentlich gedacht waren. Der Grund könnte in dem Missverständnis liegen nach dem die Meinungsfreiheit uneingeschränkt sei – weil sie es in den USA angeblich ist, den Stammlanden aller „social media“ Unternehmen.

Die Meinungsfreiheit

Den Artikel 5 Satz 1 des Grundgesetzes kennt jeder oder glaubt ihn zu kennen. Satz 1 ist das erste und zugleich das einzige, was die radikalsten Vertreter von Meinungsfreiheit in den „sozialen“ Medien hersagen können:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

Art. 5 Satz 1 GG

Also wird jetzt geäußert und verbreitet, was das Zeug hält – ohne sich zuvor ausreichend aus allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten. Facebook und Twitter und weitere Konsorten sind optimale Plattformen für die Meinungsfreiheit. „Das ist meine Meinung!“ brüllt der „user“, Inkognito unter seinem Pseudonym, in Großbuchstaben zur Freude seiner „like“-Anhängerschaft den Bedenkenträgern zu, welche sich noch aus der „Lügenpresse“ informieren. Daß die vorgeblich „eigene Meinung“ kopiert, geteilt, „retweetet“ ist, ein Produkt fraglichen Schwarm-Irrsinns, sollen eigene Zusätze verschleiern, die notwendig bei jeder weiteren Verbreitung schlimmer, giftiger, demagogischer werden müssen, damit die Aufmerksamkeit nicht abreißt. Aufmerksamkeit, die „Währung“, die Droge im Internet, dient zur Bezahlung der narzistischen Perönlichkeiten für Ihre „Meinung“ – nach der sie nicht gefragt wurden. Wozu das noch einmal herausstellen? Weil hierin der Schlüssel zu den Problemen liegt, die „soziale“ Medien erzeugen: das in der Menscheitsgeschichte herausragendste und nützlichste Instrument „the world wide web“ ist dabei, zum totalitären Internet zu degenerieren.

Die Verkommenheit im Netz

Die vorgeblich „eigene Meinung“, die so gewaltsam, so unbedingt, so ohne jede Alternative durch das Zwangsmittel der absoluten Formgleichheit auf den Plattformen ohne wirkliche Leser ist, wäre ohne die „sozialen“ Medien gar nicht vorhanden. Die Form des Internets selbst ist ein wirksamer Machtdiskurs, der von der Selbsttäuschung der Rezipienten erhalten wird, daß da endlich mal wer „die Wahrheit“ sagt – ob Maschine, Troll oder Mensch bleibt sich dabei gleich. Merkwürdigerweise gilt „die Wahrheit“ in gewissen Kreisen um so wahrer, je abseitiger die Verschwörungstheorie, je krasser die Tatsachenleugnung und je asozialer die Wahl der Fäkalsprache ausfällt. In welcher wirklich sozialen Gemeinschaft, in welcher geselligen Runde würden solche Sprücheklopfer geduldet, wo bliebe solch ein Schwachsinn unwidersprochen? Das dumme Großmaul würde direkt in seine Schranken verwiesen, sogleich würde er gefragt, wo er denn das mal wieder her hat; ein Rest von Schamgefühl ließe den größten Spinner noch erröten. Nur in der abstrakten „Welt“ der fiktiven Basisdemokratie kann jeder dahergelaufene Dummschwätzer noch etwas werden. Wenn er zu dumm zum formulieren ist, kopiert er eben, das tut seinem Ruhm als extrakritischer Herausforderer des Establishments keinen Abbruch. Auf diese Weise schaukelten sich Haßkommentare, Rassismus, Antisemitismus, Holocaustleugnerei, religiöser Fanatsimus, übertriebenes Identitätsbewußtsein und Nationalismus bis hin zu Gewaltaufrufen(!) auf.

Daran sind die Betreiber dieser Plattformen zunächst nicht schuld. Es werden ja auch sehr viele nützliche und freundschaftliche, familiäre Verbindungen über die Netzwerke unterhalten, es geht also auch anders. Jedoch bevorzugen die Algorithmen der großen Plattformanbietern gerade diejenigen Veröffentlichungen, die das meiste Interesse auf sich ziehen. Jetzt aber werden z. B. nach den verschrobensten doppelmoralischen Anstandsregeln aus den USA, wo die Form mehr gilt als der Inhalt, etwa Kunstwerke mit der Darstellung nackter Menschen aus dem Netzt gelöscht, während eindeutig ultrarechte und faschistoide Kommentare als „freie Meingsäußerungen“ gelten, selbst in einigen nach amerikanischen Recht sehr fragwürdigen Fällen, und nicht gelöscht – weil sie durch den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der USA geschützt seien. Ein deutscher Verlag zog jüngst die Konsequenz aus solcher scheinheiligen Doppelmoral und hat seine Aktivitäten bei einer der bedeutensten Plattformen eingestellt; eine überaus respektable Haltung.

Die Beschränkung der Meinungsfreiheit

Wir sind aber nicht in den USA, wir sind in Europa, in Deutschland. Hier ist das Recht auf freie Meinungsäußerung gegen die landläufige Meinung beschränkt:

Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Art. 5 Abs. 2 GG

Die persöhnliche Ehre eines jeden steht unter hoheitlichen Schutz des Grundgesetztes. – Es ist klar, daß wenigstens die Hälfte der Meinungsäußerungen und Kommentare auf den sozialen Netzwerken, die sich auf Personen beziehen, inhaltlich fragwürdig sind, was sie Einhaltung von Artikel 5 Absatz 2 Grundgesetz angeht. Mindest ein Viertel kann als klarer Verstoß gegen dieses Grundrecht gelten. Jedenfalls wäre das noch vor wenigen Jahren so gesehen worden, in der wirklichen Welt und im tatsächlichen Umgang miteinander, wo die eigene Meinung als solche identifizierbar war, weil man den Meinungsäußerer kannte oder sein Beitrag namentlich bezeichnet war – als es die eigene Meinung noch gab. Wenn der Missbrauch der Medien auf die jetzige Weise und mit dieser Beschleunigung weitergeht, könnte der Staat sich bald genötigt sehen, einzugreifen und „zensorische Maßnahmen“ einzuführen, welche wir alle zu fürchten haben. Das will niemand; doch ausgerechnet die radikalsten Wüteriche unter den vorgeblichen Freiheitsverteidigern riskieren, daß weitere gesetzliche Einschränkungen kommen.

Inkonsequenz des Werbetreibenden

Es ist nicht, und es wird auch nimmer gut.

William Shakespeare, Hamlet (1,2)

Das fasst die gegenwärtige und die zukünftig zu erwartende Situation um die „soziale“ Netzwerkerei trefflich zusammen. Es ist inkonsequent, die „sozialen“ Medien zu Werbezwecken und als maschinelle Linkverteiler zu missbrauchen, um Suchmaschinen „aufmerksam“ zu machen, und die Augen vor dem menschenverachtenden Verkommenheit gleich in der Nachbarschaft eigener Interessen wegen zu verschließen. Wer würde zivile Werbeanzeige in Zeitschriften schalten, in denen zu Mord und Totschlag aufgerufen wird? In welchem zivilisierten Land dürfte eine solche Zeitung erscheinen?

Konsequent wäre es, dem Beispiel des oben erwähnten Verlags zu folgen und die Konten bei den Plattformen unter öffentlicher Angabe der Gründe aufzulösen.

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