Ab und zu hat man die Neigung, etwas ganz anderes zu machen, was einem selbst gefällt und sich nicht in die üblichen Kategorien einteilen lässt; KünstlerInnen werden das gut kennen. Dieses Bild war in der Vorzeichnung ein aufgelassener Friedhof in einem nebligen Winterwald. Mein Vergnügen am Tabubruch sozusagen: Denn Bilder für den Verkauf haben ja immer „schön“ zu sein, müssen eine „positive Stimmung“ wiedergeben und eine „große Zahl potentieller Käufer“ ansprechen, will man Kunsthändler damit überzeugen. Ein kalter, trüber Wintertag auf einem alten Waldfriedhof gehört bestimmt nicht dazu – also genau das Motiv für mich um zu malen. Daher auch der absolut ungebräuchliche Titel Requiem aeternam dona eis, unannehmbar für die Rationalisten unter den Kunsthändlern.

Durch die Verwendung der matten Tempera und matt eingestellter Öllasuren sollte der trübe Effekt noch gesteigert werden, was nur zu gut gelang. Es fehlte danach aber ein farbiger Kontrapunkt, um mehr Spannung aufzubauen und das Bild nicht ohne Zentrum zu lassen. So kam die Figur der farbig bekleideten jungen Frau in das Bild, wobei die Anpassung der Lokalfarben in dem grau-rosa der Jacke, den grünen Strumpfhosen und den roten Stiefeln an die Umgebungstöne ziemlich schwierig war; das rot der Stiefel fällt mir bei heutiger Betrachtung etwas zu stark heraus.

Die Galeristin in Dortmund sah auch leicht indigniert drein, als ich ihr dieses Bild (nach mehreren erwarteten Ablehnungen bei anderen Kunsthändlern) präsentierte. Dennoch konnte sie das Bild in kürzester Zeit zu einem sehr ordentlichen Preis verkaufen. Daraus ist zu sehen: Nicht was Galeristen von einem Bild halten, sondern was ein Bild den interessierten Betrachtern sagt, entscheidet darüber, ob eine Arbeit erfolg hat oder nicht. Provokativ gesagt stört der Zwischenhandel die Vermittlung schwierigerer Kunstinhalte eher, als er ihr nützt. Zum Glück waren hier Käufer gefunden, die nach dem Inhalt geurteilt haben, nicht einfach nach der äußeren Erscheinung (vielleicht könnte sie auch die sorgfältige Arbeit an den Details überzeugt haben).

Der Untertitel „Das Mädchen mit den roten Stiefeln“ ist übrigens von Dritten an dieses Bild gebracht worden. Nach der ersten Veröffentlichung hat ein intellektueller Zirkel, der damals in der Nähe Separee-Diskussionen zu verschiedensten Themen veranstaltete, an einem Abend über den möglichen symbolischen Inhalt des Bildes spekuliert. Das hat mir nachher einer der Teilnehmer erzählt, der auch gleich den lateinischen Text des Introitus der katholischen Totenmesse auswendig hersagen konnte. In diesem Kreis hat man eindeutig sexuelle Anspielungen in den roten Stiefeln und der für den kalten Wintertag zu dünn erachteten Strumpfhose sehen wollen; und empfand den ursprünglichen Titel offenbar als abderitischen Versuch, ein Skandälchen verursachen zu wollen.

So kann es einem gehen; der eigentliche Grund für die Farbwahl der Figur ist deren Funktion als Kontrapunkt, das übertriebene rot der Stiefel unbeabsichtigt, der ursprüngliche Titel der des Requiems von Mozart als Reminiszens an den Friedhof, das eigentliche Thema die Grundspannung zwischen der Jugend und der Landschaft, die hier zusätzlich noch einen Kultraum einschließt. Die auf gefestigter normativer Grundlage stehende Kritik sieht dagegen symbolische Anspielungen gegen die moralischen Konventionen und freut sich an ihrer Erkenntnis – weil sie so tief durchdacht ist.