Romanesco 2

Fotografien vermögen die Wirkung dieses merkwürdigen dreidimensionalen Blütenkörpers nicht wirklich wiederzugeben. Kaum vorstellbar ist eine wirklich glaubhafte malerische oder zeichnerische Darstellung davon (abgesehen vielleicht von einem botanischen Aquarell eines wirklichen Spezialisten). Doch am Original, erhältlich beim gut sortierten Gemüsehändler, können die unglaublich komplexen Strukturen des Blütengemüses „Romanesco“ studiert werden. Es ist eine der wenigen Pflanzen, bei welchen sich so deutlich die Selbstähnlichkeit zeigt, die fraktale Strukturen und zugleich eine komplexe Raumstruktur in Fibonacci-Spiralen aufweisen.

Beinahe wirkt diese Variante des Blumenkohls wie nicht von dieser Welt; kaum ein Science-Fiction-Zeichner hätte sich solch eine Struktur ausdenken können. Da es sich um eine Züchtung handelt, also letztlich um eine Genmanipulation, könnte man auf die Idee kommen, daß hier wieder einmal der alles überragende menschliche Geist am Werke war. Doch die genetischen Änderungen sind eher gering: Die Blüte des Romanesco bildet Blütensprossanlagen statt Blütenanlagen an den Rändern, welche spiralig angeordnet sind; das Laub verrät die enge Verwandschaft zum gemeinen Blumenkohl.

Mathematiker könnten in der vollendeten Phyllotaxis des Romanesco einen Beweis für die in ihrer Zunft verbreitete These sehen, daß die Natur letztlich allein mathematischen „Gesetzen“ folge, wir also in einem mathematischen Universum leben. Botaniker mögen darin nur eine weitere Nutzpflanze sehen, die sie nicht weiter in Erstaunen setzt, sie kennen sicher sehr viele außergewöhnliche Morphologien. Köche sind vielleicht weniger vom Geschmack als von dem interessanten Aussehen des Blütengemüses zu neuen Kreationen inspiriert. Maler werden die Unmöglichkeit einer überzeugenden malerischen Darstellung eines „Stillebens mit Romanesco“ einräumen müssen und dieses komplizierte Motiv stillschweigend umgehen.

Befasst man sich näher mit den Ursachen dieser natürlichen Erscheinungen, stößt man auf erstaunlich einfache Prinzipien. Die einfache Reihe der Zahlen, mit denen Leonardo Fibonacci das Anwachsen einer Kaninchenpopulation beschrieb, ist in vielen natürlichen Wachstumsprozessen Grundlage, weil sie auf natürlichen Zahlen beruht:

Fibonacci-Folge (aus: Wikipedia)

Mittels dieser Zahlenreihe lässt sich Näherungsweise eine logarithmische Spirale konstruieren, die in Schneckenhäusern, Sonnenblumen, Wirbelstürmen und Galaxien zu finden ist. Beim Romanesco bildet die Fibonacci-Spirale die Hauptstruktur der gedrehten, kegelartigen Blütendolden:

Goldene Spirale (aus: Wikipedia)

Die Quadrate, in denen die Kreisbogensegmente der Spirale eingezeichnet sind, weisen die Seitenverhältnisse der Fibonacci-Folge auf. Und damit sind wir beim Goldenen Schnitt, dem seit der Antike bekannten und seitdem in der gesamten Kunstgeschichte vielfach angewendeten natürlichen Harmonieverhältnis, welches in irgendeiner Form in der Morphologie vieler Lebewesen nachweisbar ist, beispielsweise bei den meisten Bäumen. Es besagt ganz einfach: Das Verhältnis des kleineren Teils zum größeren entspricht dem des größeren zu Summe beider Teile:

a / b = (a + b) / a ≈ 1,618033 ... 

Diese universelle Relation läßt sich wieder mit den Zahlen aus der Fibonacci-Folge näherungsweise darstellen:

13 / 8 = 1,6250, 21 / 13 = 1,6153 ..., 34 / 21 = 1,6190 ... usw. 

Daraus ist der innere Zusammenhang zwischen diesen Verhältnissen zu erkennen. Die Natur besteht eher aus Verhältnissen und folgt einfachen Relationen, die durch Iterationen, Überschneidungen und Reihenfolgen die ganze komplexe Vielfalt des Lebens zu bilden vermögen.

Für ein umfassendes Weltbild ist m. E. dieses Bild grundlegender Formgestaltungskräfte der Natur mit den wichtigen Phänomenen Fibonacci-Folge und Goldener Schnitt erforderlich. KünstlerInnen sollten sich ausgiebig mit diesem interessanten Thema beschäftigen.

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