"Le grand nuage" von Martin Eller

In einem idealen Bild geht es m. E. vorwiegend um Logik und Relationen, nicht nur um „Inspiration und Emotionen“. Die Bildzeichen darin haben Funktionsform, sie verhalten sich relativ zum Abgebildeten. Nicht die „Erhabenheit der Natur“ (oder irgendein anderer metaphysischer Unsinn), sondern das einfache so-sein der Natur selbst, so wie sie eben ist, erscheint unter diesem Gesichtspunkt als der einzig mögliche Bildgegenstand.

Das logische Bild zeigt das, was a priori als Gegenstand im Bild möglich gewesen wäre.

Außer der Zeit, Satz 6.2.11.2

In meinen Arbeiten suche ich nach einer konsistenten Möglichkeit, Bilder der Form (∃x);ƒ(x) in Malerei und Grafik umzusetzen.

 (∃x);ƒ(x) → „es existiert x; Funktion x“.

In der Fotografie scheint dies ohne weiteres möglich. In meinem Buch und in verschiedenen Bildern habe ich die Grundüberlegungen zum logischen Bild dargelegt. In diesen Arbeiten ist die Natur durchgängig als logisch-physikalische Struktur vorgestellt. Konstituierend für das logische Bild ist die logisch-physikalische Wirklichkeit, die ich mit dem Existenzquantor ∃ notiere.

Ich glaube nicht an die (post)moderne Auffassung, Kunst müsse „politisch“, „gesellschaftlich relevant“ oder sonst irgendwie „bedeutend“ sein. Sie muß nicht, darf aber dem jeweils einzelnen Betrachter gefallen. Wie überhaupt der einzige Einfluss, den Kunst ausüben kann, nur derjenige auf die jeweils einzelne, im Moment der Kunstbetrachtung von allem isolierte Betrachterpersönlichkeit ist; meine Bilder sind für diese gedacht.

Vor diesem Hintergrund kann m. E. die Malerei, welche natürliche Erscheinungen auswählt, arangiert und darstellt, nicht als bloßer Realismus, Naturalismus oder Mimesis missverstanden werden. Sie ist vielmehr der unausgesetzte Versuch, das wesentliche des Bildgegenstandes (im Sinne von Thema oder Inhalt des Bildes) möglichst klar herauszustellen.

Die folgenden Sätze aus dem Traktat sind die Kerngedanken zum logisch en Bild:

  • 2.1.14
    Das mögliche natürliche Bild ist das logische Bild; es besteht aus den konvergierenden Ergebnissen aller Natur­wissenschaften.
  • 6.2.10
    Logik eröffnet das mit der Wirklichkeit übereinstimmende logische Bild.
  • 6.2.11
    Das logische Bild bildet die Logik ab.
  • 6.2.11.1
    Daß die Logik durch das logische Bild abgebildet wird, ist u. a. daran zu sehen, daß ein der Geometrie widersprechendes Bild unmöglich ist.
  • 6.2.11.2
    Das logische Bild zeigt das, was a priori als Gegenstand im Bild möglich gewesen wäre.
  • 6.2.11.2.1
    Malerei a priori gibt es nicht.
  • 6.2.11.3.1
    Es gibt kein logisches Bild mit einer falschen Darstellung wie es keines gibt, das einem anderen logischen Bild widerspricht.
  • 6.2.11.3.4
    Logische Bilder sind ausschließlich von logischen Zuständen möglich – also von den Relationen der logisch­-physikalischen Struktur.
  • 6.2.11.3.5
    Das logische Bild kann auch das natürliche Bild genannt werden.
  • 6.2.11.4
    Die Form des logischen Bildes ist: (∃x); ƒ(x).
  • 6.2.11.5.2.1
    Das logische Bild ist eine Tautologie (p ⇒ p‘ ∨ p’⇒ p) ; es ist immer „wahr“ (oder wahrscheinlich) ­ oder es ist kein logisches Bild.
  • 6.3.14
    Die Masse der Kunstwerke sind nicht­-logische Bilder.

Das Titelbild zeigt das Gemälde „Le grand nuage“, Öl auf Leinwand 100 x 130 cm (verkauft);
© Martin Eller