"Oliveto", WVZ 1843 100 130 von Martin Eller

Einen Baum so wiederzugeben, daß seine individuelle Erscheinung als Anmutung in einem Gemälde fühlbar oder sichtbar wird, ist dieselbe Aufgabe, die den Portraitmalern gestellt ist: Einen Baum als solitäres Motiv ist so schwierig malerisch darzustellen, wie eine menschliches Gesicht. In einer Art dichterischer Zusammenfassung müssen gerade so viel Details der Rinde, der Zweige und des Laubs gezeigt werden, daß die Art des Baumes, seine Beschaffenheit, seine unverwechselbaren Eigenheiten sogleich klar erkennbar sind, ohne jede Wiederholung der Pinselzüge, der Formen, der Farben, ja selbst der Lokalfarbe nicht.

Es ist nicht möglich, durch mechanische Malbewegungen das anscheinend überall am Baum gleich aussehende Laub überzeugend wiederzugeben; solche Iterationen fallen direkt störend heraus, obwohl ein regelmäßig gewachsener Laubbaum in vielen Teilen Selbstähnlichkeit aufweist. Denn durch seine verschiedenen Winkel zum Himmel, durch seine Lage im tiefen Baumschatten gegen die durchscheinende Fläche des Himmels, seine Lage im direkten oder indirekten Licht, leuchtet der geringste Teil des Laubes in seiner tatsächlichen Lokalfarbe. Durch Störungen im Wuchs sieht jeder Bereich der Baumkrone anders aus. Dabei muss zugleich der Baum deutlich als eine selbstähnliche Einheit wahrgenommen werden können, die atmossphärisch in die Umgebung eingebunden sein muss, um überzeugend zu wirken.

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