Alexander von Humboldt (vom Buchtitel entnommen)

Eigentlich ist es doch merkwürdig, wie wenig wir Heutigen über Alexander von Humboldt wissen, insbesondere, wenn man dessen weltweite Bekanntheit zu Anfang des 19. Jahrhunderts dagegenstellt. Das ist zum Beispiel an der Liste der Namensgebungen nach Hunboldt zu sehen. Er war der berühmteste und herausragendste Naturwissenschaftler seiner Zeit und erarbeitete methodisch ein umfassendes neues wissenschaftliches Weltbild. Es erscheint uns heute kaum möglich, daß ein einzelner Mann in neunzig Lebensjahren solch eine Wissenssammlung auf großen und kleinen Expeditionen zusammentragen und in solch vielen Büchern verarbeiten und so weit verbreiten konnte. Er muss jahrzehntelang wie ein besessener gearbeitet haben, um das zu leisten.

In der umfassenden (und erfolgreichen) Biografie der Historikerin Andrea Wulf ist das Leben und das Werk dieses großen Naturforschers in weiten Bilderbögen unterhaltsam beschrieben, wobei der Schwerpunkt dankenswert auf der Wissenschaft liegt, nicht auf Lebensdaten. Herkunft und Familie des Unverheirateten spielen nur in soweit eine Rolle, wie sie seine Arbeit beeinflusst haben (also ganz ohne Spekulationen, wie sie in manchen Biografien sonst gerne verwendet werden, um Leerstellen zu füllen). Freunde und Bekannte zu denen (irgendwie unvermeidlich) Goethe und Schiller zählten, aber auch Simón Bolívar, Thomas Jefferson und natürlich Aimé Bonpland, werden hingegen ausführlicher geschildert, was einen guten Eindruck von der politisch unruhigen Zeit während und nach der französischen Revolution vermittelt.

Bemerkenswert ist die Haltung von Humboldt zur Sklaverei und seine Kritik an Adel und Majestäten, die ihn in diesem Buch als frühen Vertreter einer aufgeklärten Wissenschaft darstellen, welche anmaßende Machtpolitik wie unmenschliche Verhältnisse empört ablehnt. Bemerkenswert sind auch die Bilder, die Humboldt zur allgemeinverständlichen Vermittlung seiner wissenschaftlichen Arbeit entwirft und die bis heute Einfluss auf die Wissenschaftsvermittlung haben: Die Darstellung des Chimborazo, den Humboldt auf seiner Südamerikareise bestieg, zeigt mit den eingetragenen Floren und Faunen die Zusammenhänge in der Biosphäre in Abhängigkeit der Höhenlagen. Humboldt erkannte, daß weltweit ähnliche Arten in gleicher Höhenlage existierten und schloss daraus auf einen universellen Zusammenhang, den wir heute Ökologie nennen. Auch die noch heute gebräuchliche Darstellung der Isothermen, ein besonders eingängiges Bild der weltweiten Temperaturverteilung, geht auf Humboldt zurück. Ein interessanter Buchteil schildert den weitreichenden Einfluss von Humboldt auf Charles Darwin, Hennry David Thoreau oder Ernst Haeckel, der den Begriff Ökologie formulierte.

Die Autorin scheint vom Arbeitseifer und Fleiß von Humboldt inspiriert: Ihr empfehlenswertes Buch hat bei 420 Seiten Text über 130 Seiten Anmerkungen und Bibliografie im Anhang, Nachweis sehr sorgfältiger Recherche. Der Text ist gut lesbar und allgemein verständlich. Leider sind viele Wiederholungen solcher Art zu beklagen, die im englischen Originaltext üblicherweise mit however eingeleitet sind (und allgemein in angelsächsischen Texten häufiger vorzukommen pflegen): Offenbar traut man dem Leser nicht zu, einen auf der Vorseite geschilderten Sachverhalt auf der Folgeseite noch im Sinn zu haben. Dem dümmlichen Teil des Zeitgeistes ist wohl der Untertitel „und die Erfindung der Natur“ [sic] zu verdanken; die Natur war unbezweifelbar schon vorher da und der Humboldt, der im Buch vorgestellt wird, würde sich schwerlich mit solchen Meriten ausgestattet sehen wollen. Von solchem Unsinn (der einzige, den ich fand) sollte man sich in diesem Fall aber nicht abschrecken lassen.

"Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" von Andrea Wulf, Bertelsmann, München 2016 

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