"Eiger, Jungfrau und Mönch", WVZ 1625, Öl auf Leinwand 100 x 140 cm (verkauft); © Martin Eller

Moderne Romane werden nach Dietrich Schwanitz von den klassischen durch ein gewisses Verdrusspotential unterschieden. Demnach ist der klassiche Roman „schön“, vermag aber die Lebenswirklichkeit der Vielen nicht abzubilden; der moderne Roman bildet dagegen das moderne Leben „realistisch“ ab, frustriert aber die Leser gerade dadurch, daß sie sich darin selbst wiedererkennen können.

Wahrscheinlich stimmt etwas mit dem „modernen Leben“ und den daraus deduzierten Ansichten nicht. Denn in der Wohlstandsgesellschaft, in der, zum Beispiel, jeder leidenschaftlich lieben und noch alles werden kann, sollten doch viel mehr schöne Geschichten mit glücklichem Ausgang zu erwarten sein, gerade in einem Entwicklungsroman wie dem von Paolo Cognetti. Da junge Leute heute – zum ersten Mal in der Geschichte – wirklich frei und in der Lage sind, ihr Geschick vollständig selbst zu bestimmen, brauchten sie sich doch nicht endlos an überkommenen Vorstellungen abzuarbeiten.

Doch genau das passiert in diesem Bestseller. Der Icherzähler Piero erlebt seine Bubenzeit mit seinem Freund Bruno in den italienischen Alpen. Piero ist der Sohn eines unglücklichen Chemikers aus Mailand, der die Stadt und seine Industriearbeit bei jeder Gelegenheit flieht, um in einem ununterbrochenen Leistungswettbewerb gegen sich selbst jede denkbare Bergtour abzuarbeiten, ohne wirkliches Interesse an der Natur. Mit dieser erstaunlich eindimensional dargestellten Romanfigur hat der Sohn Piero einen merkwürdig konstruiert wirkenden Generationenkonflikt, der irgendwie unvermeidlich erscheinen soll. Das Vergehen des Vaters besteht darin, daß er dem pubertierenden Piero einen gemeinsamen Campingausflug an einen Bergsee in Aussicht stellt, den dieser aus Angst vor Peinlichkeiten ablehnt. Das Vergehen des Sohnes darin, daß er sein Studium abbricht und mühsam mit irgendwelchen Jobs sein Stadtleben als bindungsunfähiger Zielloser zusammenbringt, worauf die beiden einfach viele Jahre nicht mehr miteinander sprechen. Offenbar notwendige Folge in einer modernen, realistischen Familiengeschichte.

Bruno ist der Enkel von Bergbauern und der Sohn eines alkoholabhängigen Maureres, der nie da ist, außer im falschen Moment, um seinen Sohn zu verprügeln und dafür zu sorgen, daß er über die Grundschule hinaus keine weitere Schulbildung erhält, die Pieros Eltern für Bruno organisieren wollten. Sein ganzes Leben verbringt Bruno in einem aussterbenden Bergdorf, zuerst als Kuhhirte, dann als Maurer, zuletzt als Senner auf seiner eigenen kreditfinanzierten Alm. Die kleinen Abenteuer der beiden Buben, welche die lebenslange Freundschaft der beiden begründen, sind übrigens offensichtlich von Marcel Pagnol und dessen autobiografischer Romantrilogie Souvenirs d’enfance inspiriert: Bruno und Piero streifen gerade so über die Vorberge des Monte-Rosa-Massivs wie Marcel und Lili über die Hügel der Haute Provence.

Im Klappentext ist die Frage aufgeworfen, in der es in diesem Buch geht, eingedenk der Sentenz von Theodor W. Adorno, nach der es kein richtiges Leben im falschen gibt: Welches ist das richtige Leben? Auf dem Land, in den Bergen sich als Selbstversorger durchschlagen mit Käsemachen, wie Bruno? Oder wie der Vater: eine unliebsame Arbeit machen, die Frustration in Flüchen entladen, in einer schrecklichen Wohnung an einer Hauptverkehrsachse in einer weder guten noch schlechten Ehe dahinleben, also nur Pflichten zu erfüllen, um dann, an den Wochenenden und in den Urlauben, in das Hochgebirge zu flüchten, um dort zwanghaft Stille, Einsamkeit und Kontemplation zu suchen? Oder das moderne Leben zu führen wie der erwachsene Piero, nach Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen und dann die scheinbar wirklichen Abenteuer zu suchen: nicht in den Alpen, sondern als Dokumentarfilmer im Himalaya, nicht die eigene Kultur, sondern die fremde verstehen wollen, nicht die Lehren der eigenen Alten, sondern die eines alten Hühnerkäfigträgers in Nepal zu achten und sich Gebetsfahnen aufzuhängen?

Der Roman überlässt die Interpretation den Lesern – so scheint es. In Wirklichkeit steht das Urteil der modernen Lebensweisheit fest: der Vater stirbt auf einer Dienstfahrt einsam an der Autobahn an einem Herzinfarkt, der erfahrene Bergler Bruno, ohnehin schon geschlagen durch die Insolvenz seiner Sennerei und den Verlust der Lebensgefährtin samt Kind, verschwindet in den Bergen im Schnee. Piero lebt auf, engagiert sich mit seiner neuen Partnerin empathisch für Waisenkinder in Nepal und verdient genügend Geld mit seinen Dokumentarfilmen und Reisebeschreibungen. Immerhin ritzt er ein knappes Epitaph für seinen Vater in einen Felsen an der ererbten Berghütte und singt dort mit seiner Mutter ein altes Lied – „das war sein Grabgesang“*. Mehr Reflektion ist in der Moderne nicht drin.

Das ist eine Schwäche in dem Buch, zusammen mit den teils dümmlich wirkenden Dialogen: ist das wirklich so, daß alle jungen Leute grundsätzlich auf jede Frage zunächst mit „Keine Ahnung.“ antworten? Um dann en passant so tiefgründige wie knappe Antworten nachzuschieben, auf die der Fragesteller jedesmal, sei es aus Respekt vor der abweichenden Ansicht oder wegen der Notwendigkeit des Nachdenkens, nur pietetvoll schweigen kann? Es gibt einige Doppelseiten in dem (gut lesbar geruckten) Buch, auf denen beim aufschlagen einem „Keine Ahnung.“ gleich zweimal ins Auge springt.

Die andere Schwäche ist die bemüht zusammengesetzte Konstellation der Geschichte, die zwar fesselnd geschrieben ist, aber hinterher ein ungutes Gefühl hinterlässt, wie es durch die Rezeption zu vieler aufeinandergesetzten Versatzstücke entsteht. Neben Entwicklungsroman könnte man das Buch auch als Apologie oder „Rechtfertigungsroman“ bezeichnen. Alles kennt man irgendwie schon, der Fortgang ist zu erwarten, früh schon ist klar, daß es mit dem Vater und Bruno kein gutes Ende nehmen kann und was das wirklich gute Leben ist. Auch wird sehr durchsichtig dargestellt, daß der Held der Geschichte seine Entwicklungsfortschritte stets Dritten oder eigenen mühevollen Erfahrungen in der fernen Fremde verdankt, während die in seiner Persönlichkeit durch Erziehung und Beispiel angelegten Grundlagen geschickt unausgesprochen als verächtlich, belastend, überflüssig, selbstverständlich oder eben naturgegeben dargestellt werden.

Der Erfolg des Buches dürfte zum einen in der dieser leicht verständlichen, von jedem modernen Europäer nachvollziehbaren und die eigenen Erlebnisse mit den Eltern widerspiegelnden Erzählung liegen. Die absolute Stärke der Erzählweise liegt aber in der poetischen, dichterisch Zusammenfassungen von Bergpanoramen, Wetterphänomenen, Gefühlslagen und Stimmungen, manchmal in nur einem Satz. Sie wirken filmisch inszeniert, im besten Sinne (auch wenn Filmklischees verwendet werden, offenbar um der Generation Netflix entgegenzukommen). Diese Kunst kann man dem Autor nicht absprechen und diese Form ist es, die dieses Buch lesenswert machen. Es ist bestimmt nicht langweilig und genau so lang oder so kurz, wie man es sich wünschen kann.

"Acht Berge" von Paolo Cognetti, 246 Seiten, Penguin Random House, München 2020.

*Aus Shakespeare, Macbeth, 5,13


Das Beitragsbild zeigt das Gemälde „Eiger, Jungfrau und Mönch“, WVZ 1625, Öl auf Leinwand 100 x 140 cm (verkauft); © Martin Eller